Pflegeberuf & Bildung Pflegeforschung Pflegemodelle

Pflegemodelle — Übersicht und Vergleich theoretischer Rahmenwerke für die Pflegepraxis

Was sind Pflegemodelle?

Pflegemodelle sind theoretische Rahmenwerke, die das Wesen der Pflege, ihre Ziele und ihre Methoden systematisch beschreiben. Sie bieten Pflegefachpersonen eine Orientierung für die Praxis, die Ausbildung und die Forschung. Im DACH-Raum sind insbesondere die bedürfnisorientierten Modelle verbreitet, während international auch systemtheoretische und interaktionistische Ansätze Bedeutung haben.

Klassifikation der Pflegemodelle

Pflegemodelle lassen sich nach ihrer theoretischen Ausrichtung in vier Hauptgruppen einteilen:

  • Bedürfnismodelle: Henderson, Orem, Juchli — fokussieren auf menschliche Grundbedürfnisse
  • Interaktionsmodelle: Peplau, King, Orlando — betonen die Pflegebeziehung
  • Ergebnismodelle: Roy, Neuman — konzentrieren sich auf Adaptation und Systemstabilität
  • Humanistische Modelle: Watson, Parse — stellen das subjektive Erleben in den Mittelpunkt

Bedürfnisorientierte Modelle im Detail

ATL-Modell nach Liliane Juchli

Das im DACH-Raum am weitesten verbreitete Modell. Es definiert 12 Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL): Atmen, Essen und Trinken, Ausscheiden, Sich bewegen, Schlafen und Ruhen, Sich kleiden, Körpertemperatur regulieren, Sich waschen und pflegen, Für Sicherheit sorgen, Kommunizieren, Sinn finden, Arbeiten und Spielen. Jede ATL wird im Pflegeassessment erhoben und in der Pflegeplanung berücksichtigt.

AEDL-Modell nach Monika Krohwinkel

Die deutsche Pflegewissenschaftlerin Monika Krohwinkel erweiterte das ATL-Modell zu den AEDL — Aktivitäten, existentielle Erfahrungen des Lebens und Beziehungen. Ihr Modell integriert existentielle Dimensionen wie die Erfahrung von Krankheit, Verlust und Sterben und betont die Bedeutung sozialer Beziehungen. Die AEDL sind die Grundlage vieler Pflegedokumentationssysteme in Deutschland.

Selbstpflegemodell nach Dorothea Orem

Orems Modell unterscheidet universelle Selbstpflegeerfordernisse (allen Menschen gemeinsam), entwicklungsbedingte Selbstpflegeerfordernisse (lebensalter- und situationsspezifisch) und gesundheitsbezogene Selbstpflegeerfordernisse (krankheitsbedingt). Pflegerisches Handeln orientiert sich am Grad des Selbstpflegedefizits.

Interaktionistische Modelle

Interpersonale Beziehungstheorie nach Peplau

Peplaus Modell beschreibt Pflege als einen interpersonalen Prozess zwischen Pflegefachperson und Patient. Die vier Phasen — Orientierung, Identifikation, Nutzung und Ablösung — bilden den Rahmen für eine therapeutische Beziehung, die besonders in der psychiatrischen Pflege Anwendung findet.

Systemmodelle

Adaptationsmodell nach Callista Roy

Roy betrachtet den Menschen als adaptives System, das ständig mit Reizen (fokal, kontextuell, residual) interagiert. Pflege unterstützt den Adaptationsprozess in vier Modi: physiologisch, Selbstkonzept, Rollenfunktion und Interdependenz. Das Modell ist besonders in der Akutpflege verbreitet.

Vergleich und Anwendung in der Praxis

In der Praxis wählen Institutionen oft ein Pflegemodell als Grundlage für ihr Pflegeverständnis und ihre Dokumentation. Die Wahl hängt ab vom Versorgungskontext (Akutpflege, Langzeitpflege, Psychiatrie), der Patientenpopulation und den institutionellen Rahmenbedingungen.

Moderne Ansätze wie das «Pflegeprozessmodell» und die NANDA-NIC-NOC-Systematik versuchen, die Stärken verschiedener Modelle zu integrieren und eine gemeinsame Fachsprache zu etablieren. Die Wahl des «richtigen» Modells ist weniger entscheidend als seine konsequente und reflektierte Anwendung in der Praxis.