Klinische Pflege Wundversorgung

Dekubitusprophylaxe — Evidenzbasierte Massnahmen zur Vermeidung von Druckgeschwüren

Dekubitusprophylaxe — Druckgeschwüren evidenzbasiert vorbeugen

Ein Dekubitus (Druckgeschwür, Druckschaden) entsteht durch anhaltenden oder wiederkehrenden Druck auf die Haut und das darunterliegende Gewebe, meist über knöchernen Vorsprüngen. Dekubitus ist eine der häufigsten pflegesensitiven Komplikationen — und zu einem grossen Teil vermeidbar. Der Expertenstandard «Dekubitusprophylaxe in der Pflege» des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) bildet die Grundlage für evidenzbasierte Prävention.

Pathophysiologie

Der zentrale Pathomechanismus ist die druckbedingte Ischämie. Wenn der Auflagedruck den kapillären Verschlussdruck (ca. 32 mmHg) übersteigt, wird die Mikrozirkulation unterbrochen. Die Gewebehypoxie führt zur Akkumulation toxischer Metabolite und schliesslich zur Zellnekrose. Zusätzliche Faktoren sind Scherkräfte (verschieben tiefe Gewebeschichten gegen die Haut), Reibung (schädigt die Hautoberfläche) und Feuchtigkeit (mazeriert die Haut und reduziert ihre Widerstandsfähigkeit).

Risikoeinschätzung

Braden-Skala

Die Braden-Skala ist das am häufigsten eingesetzte und am besten validierte Instrument zur Dekubitusrisikoeinschätzung. Sie bewertet sechs Subskalen: sensorische Wahrnehmung, Feuchtigkeit, Aktivität, Mobilität, Ernährung und Reibung/Scherkräfte. Ein Gesamtwert von 18 oder weniger zeigt ein erhöhtes Risiko an, unter 12 ein hohes Risiko.

Weitere Risikofaktoren

Neben den in der Braden-Skala erfassten Faktoren erhöhen folgende Risikofaktoren die Dekubitusgefahr:

  • Hohes Alter und reduzierte Hautintegrität
  • Diabetes mellitus und periphere arterielle Verschlusskrankheit
  • Malnutrition und Dehydratation
  • Inkontinenz (Urin und/oder Stuhl)
  • Eingeschränkte Kognition und Wahrnehmung
  • Vorangegangener Dekubitus
  • Operationen (insbesondere lange OP-Zeiten)

Evidenzbasierte Prophylaxe-Massnahmen

Druckentlastung und -verteilung

Die wichtigste Massnahme ist die regelmässige Druckentlastung:

  • Positionswechsel: Alle 2 Stunden bei immobilen Patienten — individuelle Zeitintervalle anhand der Hautinspektion festlegen
  • 30-Grad-Schräglage: Statt 90-Grad-Seitenlage, die den Trochanter maximal belastet
  • Mikrobewegungen: Kleine Positionsveränderungen zwischen den Umlagerungen
  • Druckverteilende Hilfsmittel: Viscoelastische Matratzen, Wechseldruckmatratzen, Sitzkissen

Hautpflege und Hautinspektion

Regelmässige Hautinspektion — insbesondere über Prädilektionsstellen (Sakrum, Fersen, Trochanter, Hinterkopf) — ist essenziell. Die Haut sollte mit pH-neutralen Produkten gereinigt und mit Feuchtigkeitscreme gepflegt werden. Inkontinenz-assoziierte Dermatitis (IAD) muss konsequent behandelt werden.

Ernährungsmanagement

Eine adäquate Ernährung ist für die Dekubitusprophylaxe zentral. Besondere Bedeutung haben:

  • Ausreichende Proteinzufuhr (1,25–1,5 g/kg Körpergewicht/Tag bei Risikopatienten)
  • Mikronährstoffe: Zink, Vitamin C, Vitamin A
  • Ausreichende Flüssigkeitszufuhr
  • Ernährungsscreening (z. B. NRS-2002 oder MNA) bei Risikoidentifikation

Dekubitus-Kategorien nach EPUAP/NPUAP

Die internationale Klassifikation unterscheidet vier Kategorien plus zwei Zusatzkategorien:

  • Kategorie I: Nicht wegdrückbare Rötung intakter Haut
  • Kategorie II: Teilzerstörung der Haut (Blase, flache offene Wunde)
  • Kategorie III: Verlust aller Hautschichten (subkutanes Fett sichtbar)
  • Kategorie IV: Vollständiger Gewebeverlust (Knochen, Sehnen, Muskeln sichtbar)
  • Nicht klassifizierbar: Tiefe unbekannt (Wundgrund durch Belag verdeckt)
  • Vermutete tiefe Gewebeschädigung: Verfärbte intakte Haut

Pflegerische Dokumentation

Die lückenlose Dokumentation umfasst: initiales und wiederholtes Risikoassessment, Hautinspektionsergebnisse, durchgeführte Prophylaxemassnahmen, eingesetzte Hilfsmittel, bei bestehendem Dekubitus die Wunddokumentation (Grösse, Tiefe, Kategorie, Wundgrund). Die Dokumentation dient der Qualitätssicherung, der Kommunikation im Behandlungsteam und dem rechtlichen Schutz.