Klinische Pflege

Erektile Dysfunktion — Pflegerische Aspekte, Gesprächsführung und das PLISSIT-Modell

Erektile Dysfunktion — Ein Tabuthema in der Pflege

Die erektile Dysfunktion (ED) betrifft schätzungsweise 20–30 Prozent aller Männer über 50 Jahre — in Pflegekontexten ist die Prävalenz durch Multimorbidität, Polypharmazie und psychosoziale Belastungen noch höher. Dennoch wird das Thema in der pflegerischen Praxis selten angesprochen. Sowohl Pflegefachpersonen als auch Patienten vermeiden das Gespräch — aus Scham, Unsicherheit oder der Annahme, dass Sexualität im Alter oder bei Krankheit keine Rolle spielt.

Medizinische Grundlagen

Eine Erektion erfordert ein komplexes Zusammenspiel von neurovaskulären, hormonellen und psychologischen Faktoren. Die häufigsten Ursachen der ED sind:

  • Vaskulär (ca. 70 %): Arteriosklerose, Diabetes mellitus, Hypertonie, Hyperlipidämie — ED ist oft ein Frühsymptom kardiovaskulärer Erkrankungen
  • Neurogen: Rückenmarksverletzungen, Multiple Sklerose, Polyneuropathie, nach radikaler Prostatektomie
  • Medikamentös: Antihypertensiva (Betablocker, Diuretika), Antidepressiva (SSRI), Neuroleptika, Antiandrogene
  • Hormonell: Hypogonadismus, Hypothyreose, Hyperprolaktinämie
  • Psychogen: Depression, Angststörungen, Beziehungskonflikte, Leistungsdruck

Pflegerische Relevanz

Die ED ist pflegerisch relevant, weil sie die Lebensqualität und das psychische Wohlbefinden erheblich beeinträchtigt, oft auf behandelbare Grunderkrankungen hinweist, durch pflegerisch relevante Interventionen (Medikamente, Katheter, Stomata) verursacht oder verschlechtert werden kann und die Partnerschaft und damit das soziale Unterstützungssystem belastet.

Sexualität als pflegerisches Thema

Das PLISSIT-Modell (Annon, 1976) bietet Pflegefachpersonen ein strukturiertes Vorgehen:

  • P — Permission (Erlaubnis): Signalisieren, dass Sexualität ein legitimes Thema ist. «Viele Menschen in Ihrer Situation haben Fragen zur Sexualität — Sie können mich jederzeit ansprechen.»
  • LI — Limited Information: Grundlegende Informationen geben, z. B. über medikamentöse Nebenwirkungen auf die Sexualfunktion
  • SS — Specific Suggestions: Konkrete Vorschläge machen, z. B. günstige Zeitpunkte für Medikamenteneinnahme
  • IT — Intensive Therapy: Überweisung an spezialisierte Fachpersonen (Urologie, Sexualmedizin, Psychotherapie)

Die meisten Pflegefachpersonen können und sollten auf den Ebenen P und LI arbeiten. Bereits die Signalisierung von Offenheit ist für viele Betroffene eine grosse Erleichterung.

Spezielle Pflegekontexte

Kardiologische Rehabilitation

Nach Herzinfarkt oder Bypass-OP ist die Angst vor sexueller Aktivität häufig. Pflegefachpersonen informieren über sichere Wiederaufnahme der Sexualität (meist 4–6 Wochen postoperativ) und die Wechselwirkung von PDE-5-Hemmern mit Nitraten.

Onkologische Pflege

Nach Prostatektomie, Strahlentherapie oder unter Antiandrogen-Therapie ist die ED häufig. Hier sind die Beratung über Rehabilitationsmöglichkeiten und die psychosoziale Unterstützung zentral.

Pflegeheim

Sexualität im Pflegeheim ist doppelt tabuisiert. Bewohner haben ein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung — dazu gehört auch der Zugang zu Beratung und Behandlung bei sexuellen Funktionsstörungen, Privatsphäre und die Möglichkeit, intime Beziehungen zu leben.

Gesprächsführung

Empfehlungen für Pflegefachpersonen: das Thema proaktiv und normalisierend ansprechen, offene Fragen stellen, eigene Scham reflektieren und professionell damit umgehen, kulturelle und religiöse Hintergründe berücksichtigen, Partnerinnen und Partner einbeziehen (sofern gewünscht) und die Dokumentation diskret handhaben.