Höhenkrankheit — Wenn die Luft dünn wird
Die Höhenkrankheit (Acute Mountain Sickness, AMS) ist eine potenziell lebensbedrohliche Erkrankung, die durch den erniedrigten Sauerstoffpartialdruck in grossen Höhen verursacht wird. Ab etwa 2500 Metern über Meer können Symptome auftreten — bei schnellem Aufstieg auch schon darunter. Die Alpenregion im DACH-Raum, der zunehmende Trekking-Tourismus und die Arbeit in Bergregionen machen dieses Thema auch für Pflegefachpersonen relevant.
Pathophysiologie
In Meereshöhe beträgt der Sauerstoffpartialdruck in der Einatemluft etwa 159 mmHg. Auf 3500 Metern sinkt er auf 108 mmHg, auf 5500 Metern auf nur noch 73 mmHg. Der Körper reagiert mit Akklimatisationsmechanismen:
- Akut: Hyperventilation (Atemfrequenz und -tiefe steigen), Tachykardie, erhöhtes Herzzeitvolumen
- Subakut (Tage): Erhöhte Erythropoetin-Produktion, verstärkte renale Bikarbonat-Ausscheidung
- Chronisch (Wochen): Vermehrte Erythrozytenbildung, kapilläre Neubildung, mitochondriale Anpassung
Wenn die Akklimatisation dem Aufstiegstempo nicht folgen kann, entwickelt sich die Höhenkrankheit — ausgelöst durch eine hypobare Hypoxie mit konsekutiver Vasodilatation und erhöhter Kapillarpermeabilität.
Formen der Höhenkrankheit
Akute Bergkrankheit (AMS)
Die häufigste Form. Symptome treten 6–24 Stunden nach dem Aufstieg auf: Kopfschmerzen (Leitsymptom), Übelkeit, Appetitlosigkeit, Schwindel, Schlafstörungen, Müdigkeit. Der Lake-Louise-Score ist das Standardinstrument zur Diagnose: ab 3 Punkten (mit Kopfschmerzen) gilt die Diagnose als gesichert.
Höhenhirnödem (HACE)
Eine lebensbedrohliche Komplikation. Symptome: Ataxie (Gang- und Standunsicherheit), Bewusstseinsstörungen, Halluzinationen, Koma. HACE kann sich aus einer AMS entwickeln oder plötzlich auftreten. Unbehandelt führt es innerhalb von 24–72 Stunden zum Tod.
Höhenlungenödem (HAPE)
Ebenfalls lebensbedrohlich. Symptome: Dyspnoe in Ruhe, trockener Husten (später mit rosigem Sputum), Tachypnoe, Tachykardie, Zyanose. HAPE entsteht durch eine überschiessende hypoxische pulmonale Vasokonstriktion mit konsekutivem Kapillarleck. Es ist die häufigste Todesursache bei Höhenkrankheit.
Prävention
Die wichtigsten präventiven Massnahmen:
- Langsamer Aufstieg: Ab 2500 m maximal 300–500 Höhenmeter pro Tag (Schlafhöhe)
- Akklimatisationstage: Alle 1000 Höhenmeter einen Ruhetag einlegen
- «Climb high, sleep low»: Tagsüber höher steigen, zum Schlafen absteigen
- Ausreichende Flüssigkeitszufuhr: 3–4 Liter pro Tag, kein Alkohol
- Medikamentöse Prophylaxe: Acetazolamid (Diamox) bei Risikopersonen: 125–250 mg zweimal täglich, Beginn 24 Stunden vor Aufstieg
Therapie und Notfallmanagement
- AMS leicht: Aufstieg stoppen, Ruhe, Paracetamol/Ibuprofen gegen Kopfschmerz, Akklimatisation abwarten
- AMS schwer / HACE / HAPE: Sofortiger Abstieg (mindestens 500–1000 m), Sauerstoffgabe, bei HACE Dexamethason, bei HAPE Nifedipin, portable hyperbare Kammer (Gamow-Bag) als Überbrückung
Pflegerische Relevanz
Pflegefachpersonen begegnen der Höhenkrankheit in verschiedenen Kontexten: in der Reisemedizinischen Beratung, in Notaufnahmen von Bergregionen (Schweiz, Österreich, Süddeutschland), in der Bergrettung und in der Beratung von Patienten mit kardiopulmonalen Vorerkrankungen, die Bergwanderungen planen. Auch Flugpassagiere können in Flughöhe (Kabinendruckhöhe 1800–2400 m) Symptome entwickeln.